Der späte Gast
Es dürfte ungefähr um die Mitternachtsstunde gewesen sein, als das Klopfen damals an meiner Haustür erschallte. Ich war zuvor, wie schon so oft, vor dem prasselnden Kamin in meinem Sessel eingeschlafen. In meiner Decke eingewickelt hatte ich stumm die zuckenden Flammen beobachtet und mich von ihrem hypnotischen Tanz langsam in den Schlaf einlullen lassen. Als die lauten Schläge dann plötzlich einsetzten, erschrak ich so fürchterlich, dass mir sogar ein kurzer Schrei aus der Kehle entfuhr. Ich musste einige Stunden im Reich der Träume zugebracht haben, denn mein heimeliges Feuer war bereits erloschen und nur noch vereinzelt glimmte es schwach aus der Asche hervor. Meine Wohnung lag nun in Dunkelheit und Kälte gehüllt, als wenn jemand einen eisigen Film über Wände, Fußboden und Mobiliar ausgebreitet hätte. Dabei war es mir doch so vorgekommen, als sei ich nur ganz kurz weggenickt.
Wieder donnerte es heftig gegen das Holz, diesmal umso energischer. Keuchend und zitternd starrte ich zur Tür, unfähig mich zu rühren. Einfach nur abwartend. Für eine Weile geschah erst einmal nichts. Ich war bereits geneigt zu glauben, dass ich lediglich aus einem allzu lebhaften Traum aufgeschreckt sein könnte, dessen Echos noch immer in meinem Kopf nachhallten. Doch dann hämmerte es mit geradezu bestialischer Wucht gegen meine Pforte. Ich fürchtete bereits, sie würde beim nächsten Mal aus den Angeln springen.
Dieses Mal ließ mich der Schock aus dem Sessel springen. Ich fuhr mir kurz über die Lider und murmelte beruhigend zu mir selbst:
„’s ist schon alles gut. Hast dich bloß ein wenig erschreckt. ’s ist ja sonst nichts weiter. Vor deiner Schwelle steht bloß jemand, wohl ein Kunde oder Gast zu später Stund’, der Einlass verlangt. Womöglich gar deine Dienste in Anspruch nehmen möchte. Willst ihm hurtig antworten und sogleich hingehen und ihm öffnen.“
Der eine Teil in mir hätte sich lieber in den Sessel unter der Wolldecke verkrochen. Doch der pflichtbewusste Gegenpart schob diese Gedanken beiseite.
„Bist doch ‘n ausgewachsener Mann. Was stellst dich so an? Geh‘ hin und tu‘ wie dir geheißen.“
Mit neuem Entschluss im Herzen wankte ich mit noch etwas taumelndem Schritt zur Türe und rief derweil:
„Gemach, werter Herr! Nur Gemach! Ich eile schon! Bitte schonen Sie ihre Kräfte und verzeihen Sie mir mein Versäumen! Ich war eingenickt und wusste nicht ob Traum oder Wahr, doch nun eile ich! Haben Sie bloß einen Augenblick Geduld! Ich bitt‘ Sie!“
Als ich den eisernen Schlüssel mit zittrigen Fingern im schweren Schloss herumdrehte, vernahm ich den klackenden Laut, der die alte Tür entriegelte. Vorsichtig zog ich sie auf. Doch kaum hatte ich sie bloß einen kleinen Spalt breit offen, da stieß bereits eine mächtige Windböe sie ganz auf und ließ mich taumelnd zurückstolpern. Eine schauerliche Kältefront brach sogleich pfeifend über meine Wohnung herein, begleitet von allerlei trockenem Laubwerk, das raschelnd zu den heulenden Tönen fröhlich seine Kreise zog.
Der plötzliche Temperaturmschwung raubte mir den Atem. Ich japste mit offenem Mund nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Meine Brust fühlte eine Beklommenheit, als wenn mir jemand eiserne Schellen um die Lungen gelegt hätte. Mit zusammengekniffenen Augen und einer schützenden Hand vor meinem Gesicht blickte ich in die Dunkelheit jenseits meiner Schwelle. Draußen hatte sich ein dichter Wolkenteppich über das Firmament gelegt, so dass nichts als klaffende Schwärze zu erkennen war. Alle Gestirne versteckten sich, als graute es ihnen vor dieser Nacht.
Da wehte eine flüsternde, beinahe zischende Stimme an mein Ohr:
„Guten Abend, werter Herr Kutscher. Verzeihen Sie die späte Störung, doch ich suche eilig ein Fuhrwerk samt Wagenlenker, der mich noch heute Nacht zur Kreuzung im Wald jenseits des hiesigen Bachlaufs befördern kann. Mir wurde zugetragen, ihr selbst seid im Besitz eines solchen Gespanns und vermöchtet es somit mich an der gewünschten Stelle abzusetzen. Selbstverständlich würdet Ihr für eure Mühen auch entsprechend entlohnt werden.“
Die Gestalt des Mannes vermochte ich in dieser Finsternis nicht auszumachen. Nicht mal die Andeutung einer Silhouette war zu erkennen, als wäre sein Leib mit der Dunkelheit um ihn herum verschmolzen. Ganz wohl war mir bei alledem nicht zumut’. Es war doch ein recht ungewöhnlicher Umstand zu so später Stund‘ noch so fernab der Zivilisation ausfahren zu wollen.
In mir manifestierte sich die Furcht, dass er etwas Böses im Schilde führen könnte. Vielleicht war er Teil einer Räuberbande, die mich mit einer fingierten Geschichte aus dem Haus locken wollte, damit mich seine Kameraden in Ruhe bestehlen können? Doch besaß ich offenkundig nichts von Wert außer meiner Kutsche und den zwei Gäuler im Stall. Oder wollte er mich womöglich in einen Hinterhalt locken und eben jenen letzten kostbaren Besitz mir entwenden, der mich noch geblieben war?
Alles in mir schrie danach ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen und den Riegel vorzustellen. Doch einerseits fürchtete ich den Zorn, den ich dadurch in ihm erwecken könnte, hatten doch seine Schläge gegen meine Haustür erst jüngst gezeigt, welch immense Leibeskräfte in diesem Burschen schlummerten. Andererseits war ich mir sicher, dass sich das räuberische Gesindel gewiss nicht so vornehm auszudrücken verstand. So betrachtet gab es also keinen vernünftigen Grund dem Herren seine Bitte auszuschlagen.
Um meinen Schlaf war es nun ohnehin geschehen. Außerdem war ich viel zu arm, um derartig wählerisch mit meiner Kundschaft zu sein. Nur selten verirrte sich noch jemand in diese abgelegene Gegend. Und am Ende würde Einem noch der liebe Gott im Himmel zürnen, weil man seine Christenpflicht unterlassen habe. Obgleich mir seine Stimme Unbehagen bereitete, sprach ich gedanklich zu mir selbst:
„’s ist nichts, wovor du dich zu fürchten brauchst. Bloß ein Mann, der in seiner Not seinen Weg zu dir gefunden hat und nichts weiter mehr. Wärest du an seiner Stelle, du hättest auch gewollt, dass man dir hilft. Wirst sehen, dein Schaden wird’s nicht sein.“
Seltsam fand ich es allerdings schon, dass er nicht in ein Gasthaus oder dergleichen gebracht werden wollte. Aber welches Recht hatte ich ausgerechnet ich schon gehabt seine Anweisungen zu hinterfragen?
„Sein Anliegen wird schon gute Gründe haben“, dacht’ ich mir. „Kümmere du dich nur um deinen Part und lasse ihm den Seinen.“
So willigte ich trotz der späten Uhrzeit ein, ihn noch zu der von ihm gewünschten Stelle zu befördern. Er sollte hier vor der Türe warten, während ich hinterm Haus die Pferde einspannte. Ich zündete mir die Laterne an und begab mich sogleich in den Stall, um die beiden Tiere zu wecken und den Zweisitzer Kupee vorzubereiten.
Während ich das Geschirr um die Pferde schnallte, vernahm ich wie sich die Wagentür mit einem lauten Knall schloss. Erneut durchzuckte ein kurzer, aber intensiver Schrecken meinen Körper. Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass sich der Mann bereits beim Gefährt eingefunden hatte. Weder hatte ich den Takt seiner Schritte vernommen, noch seine vorbeihuschende Gestalt registriert. Allerdings muss ich zugeben, dass ich in diesem Moment so sehr in meiner Arbeit vertieft gewesen war, dass es ihm ein Leichtes gewesen sein musste in der Dunkelheit über den Heuboden an mir vorbei zu schleichen, ohne dass ich dessen gewahr wurde.
Als ich den Kutschbock bestieg, versuchte ich noch einen kurzen Blick auf meinen späten Gast zu erhaschen. Doch er saß so weit in der Ecke, dass seine Gestalt im Schatten gehüllt war. Ihm mit der Laterne ins Gesicht zu Leuchten, ist mir in diesem Augenblick nicht eingefallen, da es mir ganz und gar unschicklich vorkam meinen Gast so forsch zu bedrängen. Vielleicht hatte ich aber auch nur zu viel Angst davor gehabt, was ich zu sehen bekäme.
Kaum, dass ich oben aufsaß, da vernahm ich wieder diese seltsame, hauchende Stimme aus dem Inneren der Kabine:
„Hurtig, kleiner Kutschenmann! Hurtig! Mir fehlt die Zeit für Müßiggang! Bemühe du dich nur mit der schnellen Fahrt. Den Rest besorg‘ ich selbst. Keine Sorge, ich kann durchaus allein für mein Wohl hierin sorgen.“
Da es für mich keinen Grund gab hier noch weiter zu verharren und seine Geduld auf die Probe zu stellen, hing ich die Laterne in den dafür vorgesehenen Haken und ritt alsdann hinaus aus dem Stall; hinein die gespenstische Nacht.
…